LADYFESTE als Plattform für feministische Kultur
Ein Donnerstagabend im Januar. Zugticket und Programmübersicht noch schnell ausgedruckt, am Hauptbahnhof München dann raus und gleich weiter, kurz die Zettelnotiz mit der Hausnummer verglichen – „Ja, müsste eigentlich stimmen“. Schon öffnet sich die Tür:„Hi, ich bin Maria, Du hattest einen Schlafplatz gesucht“ „Genau…“ und zack, bin ich auch schon mittendrin im „Vorprogramm“ des Ladyfest München! Maria erzählt mir von ihrer Band „Why don´t you hear!“, den Vorbereitungen fürs Fest und wie toll es ist, dass ich extra von Freiburg gekommen bin. Ihre Freundin kocht uns währenddessen eine geniale Mischung aus ami-bayrisch und erzählt ebenfalls, über ihren Job als Englischlehrerin und ihre Liebesbeziehung zu New York und zu Maria. „Hier, Dein Zimmer für die nächsten Tage.“ Ich bekomme einen Schlüssel fürs Fahrrad, einen für die Wohnung und eine Stadtkarte in die Hand gedrückt. „Sorry, aber wir müssen schon wieder los.“ Die beiden fahren zur Generalprobe für das Konzert am kommenden Abend in die Glockenbachwerkstatt. “Viel Spaß dann morgen, wir sehen uns!“ Dann bin ich allein, stöbere in der Plattensammlung: „Sonic Youth“. Kim Gordon singt für mich während ich rote Kreuze hinter interessant klingende Workshops im Ladyfestprogramm kritzle: „Freitagmorgen: gemeinsames Frühstück, Veranstaltungstechnik- und Siebdruck-Workshop und Grrrl-Zines basteln. Samstag: Stadtrundgang mit skurrilen Geschichten von mehr und weniger bekannten Frauen – klingt gut. Abends Lesung mit Autorin Sonja Eismann und Auflegaktion von Djane „IF“. Konzert von „Des Ark“ dann am Sonntag, super!“ Und einer meiner letzten Gedanken, kurz vor dem Einschlafen, ist dann noch: „Ok, ich bin hier… cool!“
All about: Was sind Ladyfeste eigentlich genau? Ladyfeste sind eine Art aktuelle Form der feministischen und queeren Bewegung, die es ermöglicht sich zu vernetzen und sich auszutauschen. Sie laden dazu ein, feministischen Anliegen Raum zu geben und werden seit 2003 auch in Deutschland organisiert. Eine wesentliche Zielsetzung der unkommerziellen (d.i.y.) Mitmach- und Gemeinschaftsfeste ist es, der Unterrepräsentation und dem (Hetero-)Sexismus von Frauen und Mädchen innerhalb der Musik- und Kunstszene entgegenzutreten. Dieses Anliegen betrifft alle, deshalb können generell auch alle Geschlechter teilnehmen: “What ever your gender may be – if you feel like a Lady, be part of the Ladyfest.”
Im Zentrum der meist mehrtägigen Feste stehen non-profit Veranstaltungen wie Punk-, Hardcore- und Elektro-Konzerte, Partys mit live DJ_anes, Lesungen, Kunstausstellungen, Filmvorführungen, Diskussionen und Workshops. So können Teilnehmer_innen beispielsweise eine wilde Mischung aus Technik-, Drag- oder auch mal Strickworkshops besuchen, neue Leute kennen lernen, an Vorträgen teilnehmen und auch selbst aktiv werden. Das vielfältige Programm der Feste ist individuell und je nach Ort und Orga-Team verschieden, eine feste Struktur oder corporate identity der Ladyfeste gibt es nicht. Der Anspruch reicht folglich von Networking im kulturschaffenden, politischen und theoretischen Bereich bis hin zur Entwicklung einer eigenen (Sub-)Kultur. Und natürlich an dieser Stelle nicht zu vergessen: Ladyfeste sind einfach immer auch eine gute Party!
„Braucht sexuelle Identität Geschlecht? Tod den Kategorien. Male? Female? Fuck off? Fuck off.“ Ladyfest München 2010.
Kurz zur Geschichte: die Wurzeln des Ladyfests liegen in der amerikanischen feministischen Riot Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre. Vertreter_innen der Bewegung, wie z.B. die Band Bikini Kill, entwickelten zusammen mit anderen Künstler_innen die Idee, solidarisch mit weiteren Frauen Musik zu machen und öffentliche Präsenz und Anerkennung zu schaffen. So entstand 2000 das erste Ladyfest in Olympia in den USA. Der Begriff des Ladyfests entstand übrigens als Versuch das Klischee von der klassischen „ladylike – Weiblichkeit“ abzustreifen, um ein neues Selbstbewusstsein zu schaffen. Hierfür wurde sich vom Begriff des „Grrrl“, welcher in Europa sowieso nur als politisch abgeschwächtes „Girlie“ medial bekannt und vermarktet wurde, verabschiedet.
„Be proud, be loud!“ Ladyfeste machen Lust auf mehr und das nicht nur aufgrund des Spaßfaktors und der interessanten Leute, die an solchen Treffen teilnehmen. Die aktuellen Ladyfeste bekommen mehr und mehr Rückenwind – in und um Europa – und bilden speziell im Internet ein international funktionierendes Netzwerk und das, so ganz ohne Unterstützung der Mainstream-Medien.
Das große Ladyfest für Freiburg steht noch aus, aber das erste Ladyfest im neuen Jahr schon an. Es wird in Leipzig am Do., 19. – So., 22. Mai 2011 stattfinden. Nähere Infos auf www.myspace.com/ladyfestleipzig.
Noch ein Tipp, um auch keinen Ladyfesttermin uneingetragen zu lassen: der Kalender für „Ladiez of all genders“, entworfen von der queerfeministischen Aktionsgruppe RIOT SKIRTS, die sich 2008 auf einem Ladyfest im Raum Köln-Bonn zusammengeschlossen hat. 256 Seiten mit Daumenkino, Kalendarium, Art-Works und Vernetzungs-Infos. Order: im Internet bei „www.unrast-verlag.de“.